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Im Zuge meines anstehenden Umzuges habe ich mir meine „Schatzkiste“ mal genauer angesehen. Diese Kiste ist ein Sammelsurium an persönlichen Schätzen wie (gute) Zeugnisse, positiven Feedbacks, Tagebüchern und anderem, das mich hochschätzen lässt – daher auch „Schatzkiste“. Für Zeiten der Niedergeschlagenheit ist die Kiste ein besonderer Schatz für mich.

Was mir dabei durch die Hände ging, war der Inhalt eines Zeugnisses: „Christian bemüht sich um Einordnen in die Klassengemeinschaft. Er steht dem Unterrichtsgeschehen interessiert gegenüber, hängt aber auch häufig eigenen Gedanken nach. An neue Inhalte geht er abwartend heran und versucht sie umfassend und präzise zu erfassen. Im mündlichen Bereich kann er seine Gedanken formulieren und seine Meinung begründen.“

Bei manchen Sätzen war ich doch sehr an die Sprache in Arbeitszeugnissen erinnert. Doch tatsächlich stand der Text in Zeugnissen meiner ersten beiden Schuljahre. Erstaunlich, wie ähnlich doch Schul- und Arbeitszeugnisse teilweise formuliert sind. Noch bemerkenswerter finde ich jedoch, wie sehr ich meine heutige Persönlichkeit in Beurteilungen meiner Person von vor über 30 Jahren wiedererkennen kann.

Und beim Lesen dachte ich mir: Ja, das hört sich für Lehrer und Eltern nicht unbedingt leicht an. Ich war wohl nicht gerade der „normale“ Schüler, der sich einfach den Anforderungen angepasst hat und ausführte, was man ihm auftrug. Vielmehr schien ich in meiner eigenen Welt zu leben, meine eigenen Ansichten zu haben und auch zu vertreten.

Berechtigt oder nicht, könnte die Frage an mich gerichtet gewesen sein: Junge, was soll nur aus Dir werden? Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dieser Frage je selbst gegenüber gestanden zu haben, vernehme ich sie heutzutage in unserer Gesellschaft doch hin und wieder. Damit wird scheinbar in Frage gestellt, ob sich jemand (meist jugendlich oder gerade volljährig) sinnvoll für die Gesellschaft einsetzen wird. Doch ist das eine Frage von Anpassung?

Möchte ich aufs Erste ganz klar Nein antworten, bin ich bei einem Rückblick auf meinen eigenen Lebenslauf doch zurückhaltender. Als Kind und Jugendlicher hatte ich nur wenig Vermögen, mich anzupassen und auf andere einzustellen. Mit dem Kopf durch die Wand, war meine Strategie – wenn man das überhaupt so nennen will. Im Laufe der Zeit lernte ich, wie Diplomatie mich meinen Zielen näher brachte.

Noch später lernte ich (und tue es noch), mich anzupassen, ohne mich selbst und meine Träume aufzugeben. Ich lernte, auf Menschen in meinem Umfeld einzugehen, sie zu verstehen und teilweise auch mich in sie einzufühlen. Das brachte mir nicht nur die Welten der anderen näher, sondern erweiterte auch meinen persönlichen Horizont. Und ich fühlte mich mehr und mehr Teil eines größeren Ganzen, „meiner“ Gesellschaft.

Was mir beim Lesen meiner Zeugnisse bewusst wurde und weshalb diese auch in meiner Schatzkiste sind: Ich habe meine Persönlichkeit, die ich schon als Kind in und mit mir trug, nicht verloren, sondern erweitert. Ich habe gelernt, sie einzusetzen. Ich habe mein Selbstbewusstsein Stück für Stück aufgebaut und gelernt, mir selbst zu vertrauen. Ich habe zu mir selbst zurückgefunden.

Heute trage ich mit Stolz meine Persönlichkeit nach außen, auch die nicht gefälligen Anteile. Denn ich habe die Erfahrung machen dürfen, dass Andersartigkeit auch einen Wert darstellt – für mich selbst und auch für andere. Ich kann einen – besonderen – Beitrag leisten. Und das macht mich zufrieden. Darum frage ich Dich: Wie anders bist Du? Und wie bereicherst Du mit Deiner Andersartigkeit die Welt?

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