Wie ehrlich muss ich als Bewerber sein?

Auf einer Veranstaltung für BewerberCoaches ging es in einem Vortrag um arbeitsrechtliche Fragen der Bewerbung. Das Wissen um einige kritische und immer wieder vorkommende Fragen möchte ich Dir hier gerne weitergeben.

Muss ich immer die Wahrheit sagen?

Jain. Grundsätzlich solltest Du bei der Wahrheit bleiben. Zum einen, weil Du dann weniger über Alternativen nachdenken musst, die Dich im Vorstellungsgespräch unsicher machen könnten. Zum anderen, weil es Dich tatsächlich eine Menge Geld kosten kann, wenn Du Deinen Arbeitgeber hinters Licht führst.

Stellt Dich der Arbeitgeber aufgrund einer unwahren Angabe in Deiner Bewerbung oder im Vorstellungsgespräch ein und findet er dies heraus, kann er den Arbeitsvertrag anfechten. Das wiederum bedeutet, beide Vertragsparteien sind nachträglich so zu stellen, wie es zum Vertragsabschluss war. So hättest Du trotz Deiner geleisteten Arbeit Deinen erhaltenen Verdienst sowie die gezahlten Arbeitgeber-Beiträge zur Sozialversicherung zurückzuzahlen. Das kann schnell ein ganz schönes Sümmchen werden. Sich einen Arbeitsplatz durch Lügen zu „erschleichen“, lohnt sich also definitiv nicht.

Das gilt allerdings nur, wenn Du bewusst falsche Angaben machst. Solltest Du zu kritischen Punkten gar nicht erst gefragt werden, gibt es erst einmal auch nichts zu beantworten. Damit kannst Du Informationen bewusst zurückhalten. Nach dem Motto: Was der Chef nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Bringst Du allerdings Einschränkungen mit, die auch Deine Arbeitsleistung in der beworbenen Stelle einschränken oder reduzieren, bist Du verpflichtet, diese Deinem Arbeitsgeber vor Abschluss des Arbeitsvertrags anzugeben.

Fragen zum persönlichen Lebensbereich

Bei bestimmten Fragen haben Gerichte in der Vergangenheit Bewerbern Recht gegeben auch als sie gelogen haben. Dies gilt jedoch nur für unzulässige Fragen. Und die Abgrenzung zwischen zulässig und unzulässig ist nicht immer ganz einfach. Eine Lüge solltest Du auch bei einer unzulässigen Frage nur dann in Erwägung ziehen, wenn Du nicht ehrlich antworten möchtest, weil Dich eine ehrliche Antwort ungerechtfertigt benachteiligen oder sogar diskriminieren würde. Und das ist spätestens seit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes untersagt. Hier ein paar Beispiele für unzulässige Fragen:

  • Sind Sie schwanger?
  • Möchten Sie (weitere) Kinder?
  • Haben Sie einen festen Partner?
  • Sind Sie homosexuell?
  • Sind Sie Mitglied einer Gewerkschaft?
  • Wie sind Ihre finanziellen Verhältnisse?

Fragen zum Gesundheitszustand

Fragen wie „Waren Sie in den letzten Jahren häufiger krank?“ sind unzulässig und müssen nicht (wahrheitsgemäß) beantwortet werden. Fragen zu Krankheiten und Behinderungen müssen nur dann (korrekt) beantwortet werden, wenn der Arbeitgeber mit Einschränkungen Deiner Arbeitsleistung rechnen muss. Dann hat er ein so genanntes berechtigtes Interesse, es zu erfahren.

„Haben Sie Vorstrafen?“

Hier kommt es drauf an, ob Du einschlägig vorbestraft bist oder nicht. Einschlägig bedeutet, die Straftat steht in einem entsprechenden Bezug zur angestrebten Tätigkeit. Beispielsweise Diebstahl oder Unterschlagung eines Kassierers. Dann hat nämlich der Arbeitgeber ein „schützenswertes“ Interesse. In diesem Fall wäre die Eignung des Kassierers beeinträchtigt.

Fragen zur finanziellen Situation

„Liegt eine Lohn- und Gehaltspfändung vor?“ Hier musst Du wahrheitsgemäß antworten. Aber nur, wenn Du überhaupt gefragt wirst. Fragen zur Insolvenz hast Du zu beantworten, sofern Du in Deiner Arbeitsstelle mit fremdem Geld zu tun hast.

Fazit

Dir bleiben also – abhängig von den Fragen – folgende Optionen:

  • ehrlich antworten
  • unwahr antworten
  • gar nicht antworten
  • mit Gegenfragen antworten (dazu in einem späteren Artikel mehr)

Überlege Dir auf alle Fälle schon vor dem Vorstellungsgespräch, welche Fragen Dir Schwierigkeiten bereiten könnten. Finde wenn möglich einen Weg, ehrlich zu antworten, ohne verfängliche Details zu verraten. Sollten dem Personaler jedoch Zweifel an Deinen Antworten bleiben, bist Du wahrscheinlich aus dem Rennen. Denn Personalentscheider haben vor allem Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Es lohnt sich – wie im Bewerbungsanschreiben auch –, glaubwürdige, nachvollziehbare Belege für Deine Aussagen mitanzuführen.

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