Wenn die Sinnfrage quält

Alex ist schon länger auf der Suche nach seiner Berufung. Deshalb hat er sich auch schon über Berufungs-Coaches informiert. Auf meiner Internetseite bleibt er hängen, da er einige Gemeinsamkeiten in unseren Lebensgeschichten erkennt. Über zehn Jahre hat er als gelernter BWL’er Karriere im Vertrieb eines Automobilzulieferer gemacht. Vor vier Jahren wacht er eines Morgens auf und stellt sich zum ersten Mal die Frage nach der Sinnhaftigkeit seiner Tätigkeit. Ein akribisch geplanter, zwölfwöchiger Urlaub bringt ihm zwar kurzzeitig Abstand zu Arbeit, doch keine echte Entspannung. Wieder zurück am Arbeitsplatz quält ihn die Frage nach dem Sinn erneut. Mehr noch, er empfindet sein Leben als sinnlos. Ärzte bescheinigen ihm Depression, woraufhin er sich in Psychotherapie begibt.

Vor zwei Jahren trennt sich seine langjährige Partnerin von ihm. Dass er nicht ins Bodenlose fällt, verdankt er seinem Job, den er noch immer ausübt. Dieser gibt ihm jedoch auch Struktur und Halt. Heute sagt er, die Trennung sei längst überfällig gewesen. Genauso wie seine Kündigung, zu der er sich erst vor einem halben Jahr durchgerungen hat, nachdem er sich bereits sechs Jahre mit dem Gedanken auseinandergesetzt hatte. Er verdiente gut, vermisste aber andere Wertschätzung. Konflikte mit dem Chef häuften sich, von Alex empfundene und geäußerte Ungerechtigkeiten gegenüber der Belegschaft wurden abgetan. Sein Kreuz quittierte ihm sein psychisches Leid mit Schmerzen. Doch die Angst, sich bei einem anderen Arbeitgeber neu beweisen zu müssen, hielt ihn zurück – bis er sich in einem Beurteilungsgespräch über eine Stunde lang ausschließlich Kritik an sich uns seiner Leistung anhören musste. Ihm wurde bewusst, den nächsten Schritt zu gehen – er kündigte.

In den folgenden drei Monaten ging es ihm deutlich besser, da er sich von den Erwartungen der anderen lossagen konnte. Nachdem die Kündigungsfrist abgearbeitet war, ging er in die Berge, um sich klar zu werden, wie es für ihn beruflich weitergehen könnte. Er arbeitete für Kost und Logis in einem Seminarhaus für Körperarbeit. Von einer Bekannten hatte er davon erfahren. Als ehemaliger erfolgreicher, gut verdienender Vertriebsmann putzte er nun den Dreck anderer Leute weg. Sein vormaliger Status war vergangen. Er bekam zu spüren: In unserer Gesellschaft bist Du, was Du tust.

Nach vier Monaten im Seminarhaus und der Teilnahme an verschiedenen Kursen hat Alex noch immer nicht die sich versprochene Sicherheit, wie es weitergehen soll. Obwohl er mit seinen Reserven und seinen geringen materiellen Ansprüchen einige Zeit finanziell überbrücken kann, in einer anthroposophischen WG mit Garten in einem ruhigen Stadtteil Stuttgarts wohnt und ein diverses soziales Umfeld hat, kann er seine Freiheit nicht genießen. Ihm fehlt das Gefühl, gebraucht zu werden. Ihn hält die Frage auf Trapp: Darf ich das Leben genießen, ohne zu arbeiten, ohne der Gesellschaft etwas zurückzugeben?

Für unsere Zusammenarbeit von rund 20 Stunden Coaching stellt Alex ein anspruchsvolles Ziel auf: „Ich habe mehr Klarheit (8/10, aktuell 2/10), wohin es beruflich geht. Ich weiß, wie bzw. wo ich meine Qualitäten und Interessen beruflich einsetzen kann, so dass ich im Beruflichen Erfüllung und Sinnstiftung empfinde. Ich kenne meine wesentlichen inneren Widersacher, nehme sie an und kann sie für mich nutzen. Ich gehe mindestens einen ersten Schritt.“

Wir machen uns also ans Werk. 20 Lieblingstätigkeiten hat er schnell notiert, auch die Qualitäten dahinter, wenngleich ihm dies mit mir im Gespräch wesentlich leichter fällt als allein. Es stellt sich heraus, dass er mit einigen Freizeitaktivitäten einen Zugang zu seiner Gefühlswelt bekommt, von der er sich lange abschnitten hatte. Seine herausgearbeiteten Werte sind schließlich die Kategorien: Gemeinschaft, Austausch, Körperlichkeit, Kindsein/Leichtigkeit, Anerkennung, Fortschritt/Entwicklung, Bewusstsein, Sicherheit. Auch hat der den Begriff „Natur“ notiert. Wir versuchen herauszufinden, was dahinter steckt, was ihm daran wichtig ist. Als er in Kontakt geht mit einem Baum im Garten, kommt ihm schließlich der Satz: Ich bin einfach da. Mit diesem Satz legt er sich 20 Minuten unter den Baum. Auch wenn er diese neue Ruhe im Sein, abseits vom Leisten-Müssen, noch nicht uneingeschränkt genießen kann, wirkt er anschließend entspannter.

Als wir seine Werte aufstellen, vergisst er zunächst die „Sicherheit“. Wie er später sagt, hätte sie vielleicht einen größeren Einfluss auf ihn als bisher wahrgenommen. In der Aufstellungsarbeit ergänzt er dann noch „Beziehung“. Irgendwann steht die Frage im Raum, wofür die Anerkennung gebraucht wird. Die Antwort gibt das Kindsein (innere Kind): Damit ich mich wertvoll fühle. Nicht nur Alex erlebt die Aufstellung seiner inneren Wert-Anteile als emotional bewegend.

Nach der Anstrengung und bei der Hitze begeben wir uns ins Freibad und genießen das kühle Nass. Neue Kraft getankt widmen wir uns Alex inneren Widersachern. Insbesondere seine Trägheit, seine Antriebslosigkeit sei für ihn nicht greifbar. Wir geben dieser nun eine Form, buchstäblich. In seiner Vorstellung ist seine Trägheit eine dunkle, schwere, klebrige Masse, die ihn nach unten zieht. Mit seiner Vorstellungskraft und magischen Tricks macht Alex aus ihr eine formbare, weiße Rolle, die sich zu seinen Füßen rollen lässt. Seine Trägheit wird somit beweglich und hält ihn vom Fortschritt nicht mehr pausenlos ab. Er kann Kontrolle über sie ausüben.

In einem Zwiegespräch mit Alex Trägheit findet er heraus, dass ihre positive Absicht ist, ihn vor einem weiteren Zusammenbruch zu bewahren. Überforderung wäre schließlich auch nicht seinem Fortschritt dienlich. Bei der Verhandlung innerer Anteile kommt schließlich ein Deal zustande: täglich nicht mehr als 9 Stunden Schlaf und mindestens 20 Minuten Nichtstun zum Entspannen. Dies soll zunächst für zwei Wochen versucht werden, bevor die inneren Anteile eventuell nachverhandeln.

Beim Abendessen unterhalten wir uns dann über seine Ideen, die Alex zu seiner neuen beruflichen Ausrichtung bereits hat. Viele sind bereits in ihm gereift, sogar erfolgreich beworben hat er sich. Doch zog er sich bisher von Angeboten zurück. Etwas hält ihn zurück, erste Schritte zu wagen. Später am Abend stellt sich dann heraus, dass ihn die Sinnsuche geradezu quält. Die innere Frage „ wozu soll das gut sein?“

So gut es manchen von uns tut, der Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Wirken nachzugehen, so sehr setzt sie Alex unter Druck und hat seine Veränderung gebremst. Seit vielen Jahren definiert er seinen Selbstwert über Leistung und deren Anerkennung. Er will gebraucht werden, wie wahrscheinlich jeder von uns. Wie wäre es, wenn wir einfach nur da sein dürfen, auch ohne Auftrag, ohne konkrete Leistungserbringung, vielleicht sogar sinn-los? Wie der Baum, der zu Alex sprach: Ich bin einfach nur da!

Das Vertrauen zu Christian war vom ersten Moment da. Ich habe mich in seiner Gegenwart sehr wohl gefühlt und konnte mich problemlos öffnen. Ich habe mich sofort verstanden gefühlt und wir haben auch einige Gemeinsamkeiten unserer Lebenswege festgestellt. Wir hatten Eine wichtige, erste Erkenntnis für mich ist, dass die Sicherheit für mich mehr Gewicht hat als mir bewusst war. Nachdem ich Anfang des Jahres meinen Job gekündigt habe bin ich zur Zeit stark mit Unsicherheit konfrontiert und es fällt mir schwer mit dem nicht gebraucht und der fehlenden äußeren Anerkennung umzugehen. Es mir fällt zudem schwer die freie Zeit zu genießen und die Arbeit an meiner Entwicklung anzuerkennen ohne gebraucht zu werden und was zu leisten.

Am liebsten möchte ich sofort wissen wie es für mich beruflich weitergeht. Ich tue mich sehr schwer noch mal eine Ausbildung oder ein Studium anzufangen, da ich Angst habe dass mir die Zeit davon läuft. Und es fällt mir schwer Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen. Nachdem ich 40 Jahre die Entscheidungen anderen überlassen habe und auch froh war mich nicht mit mir auseinandersetzen zu müssen und herauszufinden für was ich brenne bzw. was mir wichtig ist und für was ich meine Interessen und Qualitäten einsetzen kann. Eine weitere Erkenntnis die durch Christians aufmerksames nachfragen aufkam war, dass für mich leicht erzielter Erfolg nicht so viel Wert hat wie hart erarbeiteter.

Nach einem langen Tag mit vielen mich weiterbringenden Übungen und Gesprächen, kam zu später Stunde die wohl hartnäckigste und schwerwiegendste Blockade zu Vorschein. Die Frage nach dem Sinn der Arbeit und im Leben. Ich hatte soviel Vertrauen zu Christian gefasst, dass ich schließlich auch dieses Thema ansprechen konnte. Christian hat mir neue Denkansätze gegeben und mir gespiegelt, dass ich diese Frage auch dazu nutze nicht ins tun kommen zu müssen. Es scheint als ob ich mich danach ausrichte und meine Entscheidungen davon abhängig mache. Christian hat mir vorgeschlagen die Frage einfach mal dahin gestellt zu lassen bzw. da sein zu lassen und evtl. ins Zwiegespräch zu gehen. Das Zwiegespräch darf ich auch nutzen um weitere blockierende Glaubenssätze rational zu hinterfragen.

Für mich ist es gerade wichtig kleine Schritte und Ziele zu wählen und wichtig ist vor allem der erste Schritt. Ein kleiner Schritt ist besser als gar keiner.Geduldig bleiben und einen Schritt nach dem anderen. Klingt einfach, ist es für mich aber nicht.

Ich bin sehr dankbar dass ich diese intensive Zeit mit Christian verbringen durfte, er das Konzept der Dienstreise anbietet. Er das was er macht mit Herz und Seele. Die Zeit verging wie im Flug und das Coaching und unsere Gespräche waren sehr inspirierend.

Vielen lieben Dank für Dich und Deine Unterstützung.

Alles Gute Dir für Deine laufenden und nächsten Projekte.

Alex, Stuttgart

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