Was sich Arbeitnehmer von Unternehmen wünschen

Im Rahmen eines Interviews zur Arbeitswelt von morgen durfte ich Malchus Kern ein paar interessante Fragen beantworten, die Ihr nun nachfolgend lesen könnt. Den vollständigen Artikel findet Ihr hier.

MyAcademy24: Was erwarten Arbeitnehmer heutzutage von Unternehmen? Haben sich diese Erwartungen gewandelt? (Flexibilität, familienfreundlich, Umweltfreundlichkeit, guter Zweck, soziale Angebote, Respekt, Anerkennung, weitere Werte, … – was sagen deine Klienten?)

Christian Rahe: Gewandelt im Gegensatz zu welcher Zeit? Natürlich leben wir in einer anderen Zeit als noch vor gut 20 Jahren. Seit der Verbreitung des Internets sind wir im Informations-Zeitalter. Das bringt viele neue Möglichkeiten mit sich. Auch die Mobilität ist gestiegen. Die Arbeitssuche gestaltet sich grundsätzlich einfacher. Mehr Transparenz lässt Vergleiche leichter zu. Vergleiche schaffen Gewinner und Verlierer, und sie legen auch die Messlatte für Erfolg höher. Arbeitgeber-Bewertungsplattformen wie www.kununu.de setzen Arbeitgeber unter Druck. Dann wäre da noch der Fachkräftemangel zu nennen. In der Personalentwicklung großer Unternehmen ist Employer-Branding, Marketing als Arbeitgeber, als ein neuer Aufgabenbereich entstanden. In diesem Zusammenhang (und leider oft nur deswegen) schreiben sich Arbeitgeber z. B. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahnen. Konkrete Angebote diesbezüglich sind jedoch zu prüfen. Auf der Arbeitnehmerseite sind die Erwartungen meiner Wahrnehmung nach nur unwesentlich andere als vor knapp zehn Jahren. Allzu häufig höre ich auf die Frage, was sie motiviert: Ich möchte (bzw. muss) Geld verdienen. Und das soll es dann gewesen sein!? Als Coach ermutige ich Bewerber, sich ihres Wertes für Unternehmen bewusst zu werden und diesen auf Augenhöhe zu begegnen. Zu einer aktuell noch kleinen Minderheit gehören die Bewerber, die mit der Einstellung der „Generation Y“ auf dem Arbeitsmarkt auftreten. Diese Menschen, für mich persönlich weniger eine Alters- als mehr eine Trendbetrachtung, hinterfragen traditionelle Werte der Karriere. Für sie geht es nicht um eine Work-Life-Balance, sondern vielmehr um die Integration der Arbeit in ihr Leben als ein wichtiger, sinnerfüllender Bestandteil eines größeren Ganzen. Sie möchten wissen, wozu sie mit ihrem Arbeitseinsatz beitragen. Sie möchten selbst entscheiden, ob und wofür sie sich engagieren. Geld als Wertschätzung ist ihnen wichtig, aber nicht alles entscheidend. Die Sinnhaftigkeit ihres Tuns steht im Vordergrund. Ich möchte alle Menschen ermutigen, sich davon leiten zu lassen.

MyAcademy24: Wenn ein Arbeitnehmer einen unkonventionellen Bildungsweg hat, – viele Fähigkeiten, aber keine Zeugnisse, etc. – wie könnte er das aus deiner Sicht positiv darstellen?

Christian Rahe: Sicher gibt es noch Arbeitgeber, die nur Zertifikaten einen großen Wert beimessen. Aber was steckt denn wirklich dahinter? Passende Bewerber bringen sowohl die gewünschten Kenntnisse als auch die benötigten Fähigkeiten mit. Es geht meist vielmehr um die praktische Umsetzungsfähigkeit des Gelernten. Es muss sich für den Arbeitgeber lohnen, diese Person einzustellen, schließlich will der Angestellte einen Lohn. Es geht also immer darum, diesen Wert der Arbeit für den Arbeitgeber darzustellen. Je konkreter ich das auf das anstehende Aufgabengebiet beziehe, umso geeigneter wirke ich, umso glaubwürdiger bin ich, umso mehr kann ich verdienen. Was vielen Bewerbern schwer fällt: sich selbst positiv darstellen. Dabei geht es bei einer Bewerbung nicht darum, sich selbst zu loben, sondern einem Arbeitgeber – und ich sage bewusst einem konkreten Arbeitgeber – ein Angebot zu machen. Die Bewerbung soll einem Arbeitgeber verdeutlichen, welchen Mehrwert er von meinem Arbeitsangebot haben wird. Und dieser Mehrwert hat mit Zeugnissen nur wenig zu tun, viel jedoch mit Persönlichkeit.

MyAcademy24: Siehst du einen Wandel in den Unternehmen, dass sie mehr auf die persönlichen und sozialen Kompetenzen schauen? Wie kann man solche Kompetenzen ehrlich und gut darstellen?

Christian Rahe: Freiwillig verändert wohl kaum ein Unternehmen den Fokus. Verständlich, da hard skills doch kraft Definition leichter festzustellen sind als soft skills. Und persönliche Kompetenzen, soziale zähle ich dazu, gehören zu den „weichen Faktoren“, da sie nur schwer objektiv messbar sind. Und dabei sind es gerade diese, die die erfolgreiche Arbeit eines Mitarbeiters ausmachen. Haben früher Unternehmen ihre Angestellten in Motivationstrainings geschickt (und sie tun es noch immer), scheint allmählich die Erkenntnis zu reifen, dass man Menschen nachhaltig nicht von außen zu Höchstleistungen motivieren kann. Bewerber bringen eine, ihre sehr persönliche, Motivation zu einer für sie sinngebenden Aufgabe mit – oder eben nicht. Fachwissen hingegen kann ich jederzeit vermitteln, wenn Lernende dazu motiviert sind. Arbeitgeber beginnen das allmählich zu begreifen. Das hat sicher auch mit dem Fachkräftemangel in manchen Branchen zu tun, wo Arbeitgeber gefordert sind, neue Wege zu gehen, um geeignetes Personal zu bekommen. Ich nehme also einen allmählichen, wenn auch meist unfreiwilligen, Sinneswandel bei den Unternehmen wahr. Hinzu kommen noch innovative Unternehmer, die mehr und mehr die Geschäftslandschaft prägen. Als Bewerber kann ich meine Motivation für eine Stelle durchaus im Bewerbungsanschreiben ausführen. Was macht mir Freude an der Tätigkeit? Welchen Sinn sehe ich darin? Andere persönliche Kompetenzen, wie z. B. meine spezielle Art und Weise des Arbeitens, kommen überzeugend ehrlich an, wenn ich sie in einem praktischen Bezug, mit einem Anwendungsbespiel, beschreibe. Anstatt zu schreiben, dass ich teamfähig bin, schildere ich besser eine (berufliche) Situation, in der es für den Erfolg wichtig war, in einem Team zu arbeiten. Welche Herausforderung galt es gemeinsam zu meistern? Wie habe ich mich eingebracht?

MyAcademy24: Inwiefern werden die Aufgaben für Arbeitnehmer in Zukunft komplizierter und komplexer?

Christian Rahe: Die Industrie 4.0 lässt uns Menschen fast nur noch die Kategorie von komplizierten und komplexen Aufgaben erledigen. Von ein paar wenigen Branchen abgesehen, kann vieles durch Maschinen und Computer getan werden. Doch war es nicht genau das, was wir seit der industriellen Revolution beabsichtigt hatten, uns von allen knechtenden, harten Arbeiten zu befreien!? Was bleibt, sind also Aufgaben, für die wir den Menschen mit besonderen Fähigkeiten (noch) brauchen. Einerseits fachliche Qualifikation, andererseits auch Kreativität, Empathie und andere irrationale Eigenschaften, die Maschinen nicht bieten können. Nun haben wir langfristig keine harte, körperliche Arbeit mehr zu verrichten. Und dennoch steckt darin für unsere Gesellschaft eine Herausforderung, sind wir doch seit über hundert Jahren zu einer gehorsamen Arbeiterschaft erzogen worden. (Modell für die Arbeitserziehung stand übrigens das Militär, bei welchem Disziplin hochgehalten wird.) Hinzu kommt, dass die Aufgaben durch die globale Vernetzung tatsächlich komplexer werden. Es gibt wesentlich mehr Optionen bei gleichzeitigem Anspruch, die optimale Lösung herbeizuführen. Wer dabei selbst keine Grenzen definiert, kann sich völlig verausgaben.

MyAcademy24: Was unterscheidet eine richtig gute Bewerbung von einer mittelmäßigen? Ganz klar Individualität!

Christian Rahe: Die allermeisten Bewerber arbeiten mit Textbausteinen und Floskeln, die die Personaler als solche erkennen und sich daher selten wirklich angesprochen fühlen. Ich schätze mal, es sind nicht einmal 5 % der Arbeitsuchenden, die etwas über sich persönlich in nachvollziehbarer Art und Weise schreiben. Verbreitet wird geglaubt, dass ich auf ein Stellenangebot eingehe, indem ich die Stellenanforderungen mehr oder weniger kopiere. Wenn ich zu den Bewerbern gehören möchte, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, dann muss ich mir zunächst ausgiebig darüber Gedanken machen, welches überzeugende Angebot ich diesem einen Arbeitgeber machen kann – und möchte. Ja, dass ich überhaupt für dieses konkrete Unternehmen arbeiten möchte, ist eine wichtige Voraussetzung. Und dann stelle ich prägnant und nachvollziehbar dar, weshalb ich diesem Arbeitgeber ein Gewinn bin. Dass das vielen Bewerbern nicht gerade leicht fällt, zeigt die wachsende Zahl derer, die in ein BewerberCoaching investieren.

 

Was wünschst Du Dir von Deinem (künftigen) Arbeitgeber? Schreibe Deine Antwort gerne als Kommentar.

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