Sicherheit versus Entwicklung?

Als ich Johannes ersten Erzählungen seiner Lebensgeschichte lausche, stellt sich mir schnell die Frage, weshalb er meine Dienste angefragt hat: Biologie-Studium mit Promotion in Hamburg, nun in Freiburg lebend und in der kleinen, erfolgreichen Firma seines Vaters tätig, die er kurzfristig übernehmen könnte. Seit 15 Jahren ist er in einer glücklichen Beziehung und erst seit wenigen Wochen ist er Vater einer fast immer gut gelaunten Tochter. Seine Anstellung mit 80 % gibt ihm den Freiraum, für seine neue Familie da zu sein.

Johannes und seine Partnerin empfangen mich sehr freundlich in ihrer geräumigen, hellen Wohnung mit schönem Balkon, auf dem Tomaten und Kräuter gedeihen. Ruhig und offen erzählt mir Johannes aus seinem Leben und lässt mich an seinen Gedanken und Emotionen teilhaben. Schnell ist eine wunderbar vertraute Ebene entstanden, nicht zuletzt, weil uns die Heldenreise miteinander verbindet. Recht schnell kommen wir dann zu dem Punkt, wo es hakt: Das auf den ersten Blick perfekte Glück lässt Johannes eines vermissen – Bedeutung im beruflichen Wirken. Er hinterfragt seine eingeschlagene Richtung.

Johannes ist keiner, der sich unüberlegt in berufliche Abenteuer stürzt, um dann enttäuscht festzustellen, dass er sich für das Falsche entschieden hat. Vielmehr plante er seine berufliche Karriere und ist jetzt quasi im Basislager auf dem Weg nach oben angekommen. Ein guter Ausgangspunkt, wie man sich denken könnte. Doch das Verschnaufen gibt auch die Gelegenheit, Rückschau zu halten, inne zu halten. Und da kommt sie hoch, die vielleicht schon lange vorhandene und nur selten zugelassene Frage: Will ich wirklich da hoch?

Diese Frage ist auf den ersten Blick für Johannes nicht so sehr aus der Not heraus geboren, wie es häufiger der Fall ist. Seine Grundbedürfnisse sind befriedigt: Er hat ein wohliges Dach über dem Kopf, kann sich hochwertige Nahrung leiste und genießt soziale Einbindung und Anerkennung. Doch in Johannes regt sich ein Wunsch nach mehr – doch was für ein Mehr?

Als ich dann ein wenig mehr von Johannes Lebenssituation erfahre, wird mir allerdings klar, dass doch ein gewisser Leidensdruck vorhanden ist. In Hamburg hat er soziale Kontakte zurückgelassen, die erst seit Kurzem bestanden. Mit Freiburg verbindet ihn kein leichtes Heimatgefühl, da er als jugendlicher Individualist eher Außenseiter war. Das Verhältnis zu seinem Vater ist seit jeher problematisch und macht die Zusammenarbeit nicht gerade einfacher. Hinzu kommt, dass Johannes seine Arbeit als routiniert und wenig erfüllend empfindet. Also scheint sein Wunsch nach Veränderung Selbstverwirklichung – wie bei vielen anderen Menschen auch – durch Leiden angestoßen und motiviert.

Seine Motivation, nach Freiburg zu gehen, kommt zum einen daher, dass die Eltern seiner Freundin hier wohnen und eine Kinderbetreuung nachvollziehbar erleichtern. Zum anderen sah er darin den nächsten Karriere-Schritt, im Pharma-Bereich zu arbeiten, erste Berufserfahrung zu sammeln, um darauf aufzubauen. Wie er mir sagt, sei er mit seiner Karriere ohnehin in Verzug, wenn er sich mit anderen aufstrebenden promovierten Biologen vergleiche – und das bereits mit 33 Jahren.

Als wir uns seine Motive für sein Handeln näher anschauen, zeigt sich einerseits eine Weg-von-Motivation. Weg aus Hamburg, das auch mit Erinnerungen an eine nicht ganz reibungslose Promotion verbunden ist. Weg von dem durch das Umfeld vermittelten Erfolgsdruck einer Wissenschaftler-Karriere. Weg vom Verlust von sozialen Kontakten, die sich abzeichneten.

Andererseits bestand seine Hin-zu-Motivation in der Vorstellung, in Freiburg ein stabiles, von Sicherheit geprägtes Familien-Leben aufzubauen durch die Möglichkeit der Übernahme der väterlichen Firma, damit verbunden Stolz und Anerkennung. Der bittere Beigeschmack stellt sich jedoch schon nach wenigen Wochen der Tätigkeit im Familien-Unternehmen ein: Johannes erfährt keine Zufriedenheit und Erfüllung, sondern frustrierende Leere, bei dem, was er tagtäglich tut. Liegt vielleicht ein Werte-Konflikt vor?

Wir beschäftigen uns ausführlich mit dem, was Johannes von Bedeutung ist, wichtig für seine Zufriedenheit im Leben – seinen Werten. Dabei kommt Erstaunliches zu Tage: Die ihn zum Umzug motivierte Sicherheit und Wertschätzung sind fundamentale Bestandteile eines größeren Werte-Systems, welches aber auch Leichtigkeit, Gefühle ausleben, Vielfalt, Gemeinschaft, Sinnlichkeit und Integrität umfasst. Da ist es nachvollziehbar, dass Johannes aktuell etwas in seinem Leben vermisst.

Sein Forscherdrang, seine Lust auf Entwicklung und Vielfalt, sein Wunsch nach Leichtigkeit und echtem Kontakt zu interessierten, aufgeschlossenen Mitmenschen, denen er etwas vermitteln oder geben kann, sein Streben nach sinn-vollen Ergebnissen, Optimierung und einem wesentlichen, wenn auch kleine Anteil, die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als er sie vorgefunden hat – all das hat sich in den letzten Jahren scheinbar verloren, ist auf der Strecke geblieben, aber wartet auf seinen Ausdruck. Die „traumhafte“ Konstruktion Johannes „idealen Arbeitstages“ zeigt dies deutlich. All die Qualitäten, die er sich erfüllt wünscht und in einem recht starken Kontrast zur aktuellen Situation stehen.

Nun könnte man sagen: Auf geht’s, worauf wartest Du noch? Du weißt doch, wohin es gehen soll! Wären da nicht die Zweifel, die sich breit machen. Zweifel, die vor allem der Sicherheit geschuldet sind und eine enorme Bremswirkung erzeugen können. Also schauen wir uns auch diese an, geben ihnen Beachtung, ja sogar Wertschätzung. Denn so sehr sie auch hinderlich sein können, so sehr beschützen sie auch, bewahren vor Risiken und sorgen für Übernahme der Verantwortung für andere Menschen wie die eigene Familie. Doch wo bleibt der „innere Held“, der seine Mission verwirklichen möchte, seine Kräfte ausprobieren und weiterentwickeln möchte, für kontinuierliche Evolution sorgt?

Es stellt sich heraus, dass Johannes bereits einige vielversprechende Ideen entwickelt hat, wie sein Leben eine andere Richtung, eine in Übereinstimmung mit seinen Werten, annehmen kann. Wir entwickeln gemeinsam diese Ideen weiter, beachten dabei die Einwendungen seines inneren Kritikers und finden schließlich Wege, die in die „richtige“ Richtung führen, eine, die sich stimmig anfühlt. Es geht darum, kleinste Schritte zu definieren, die im Einklang stehen mit dem Bedürfnis nach Sicherheit und Anerkennung. Und es geht vor allem darum, diesen ersten Schritt zu tun.

Für Johannes bieten sich nun mehrere Möglichkeiten an. Elternzeit und eine weitere Reduzierung seiner Teilzeit-Anstellung im väterlichen Betrieb schaffen ihm weiteren Freiraum, sich mit einem sicheren Einkommen beruflich auszuprobieren, ein Netzwerk aufzubauen, sich freiberuflich zu betätigen und seinen Horizont damit laufend zu erweitern. Und Begegnungen schaffen weitere Gelegenheiten.

Unterstützend wirkt es, wenn er sich mit Menschen seines „künftigen Lebens“ unterhält und umgibt. So wird er Kontakt zu „anders denkenden“ Freunden aufnehmen, sich mit ihnen über seine Bedürfnisse und Ideen austauschen, Anregungen erhalten und sicher auch Bekräftigung erfahren. Ein wichtiger Anker wird ihm sicher auch seine zur Familie gewordene Beziehung sein, die ihm den Rücken stärkt und Hand in Hand einen gemeinsamen Weg weitergeht.

Ich freue mich sehr, Johannes ein Stück auf seinem Weg begleitet haben zu dürfen und zu erfahren, wohin seine Reise geht. Herzlichen Dank auch an dieser Stelle für den Reisekostenzuschuss :) Und so hat Johannes es wahrgenommen:

Nach dem Coaching hat sich an meinen aktuellen Problemen zwar nichts geändert, aber ich fühle mich freier und nehme sie nicht mehr so sehr als Sorgen wahr. Ich bin sehr aufmerksam für neue Gedanke und Gefüle, die sich aus der Zusammenschau meiner Bestandsaufnahme, meiner Wertebestimmung und meinem idealen Arbeitstag ergeben. Nach dem Coaching traue ich mich die Impulsen und Ideen, die ich bereits in mir hatte, zuzulassen und ernsthaft zu betrachten, ob sie Schritte zu meiner Selbstverwirklichung sein können. Es sind im Moment sehr kleine, vielleicht banale Schritte, aber es ist sehr befreiend, sie in die richtige Richtung zu denken und hoffentlich auch zu gehen.

Ich habe schnell eine gute Vertrauensebene zu Christian gefunden und konnte so auch sehr persönliche Fragen ansprechen, die für meine Selbstverwirklichung Bedeutung haben. Christian war dabei ein äußerst aufmerksamer Zuhörer und hat mich oft zum staunen gebracht, wenn er mir das eben gesagte spiegelte und mir damit eine interessante Aussage bewusst machen konnte. Zunächst etwas ungewohnt ist mir gefallen, dass Christian keine feste Struktur vorgegeben hat sondern die Themen, die gerade da waren, aufgegriffen hat. Erstaunlicherweise hat er mich zum Schluss aber doch zu recht konkret umsetzbaren möglichen Zielen begleitet. Diese intensive Arbeit war für mich sehr anstrengend, aber da wir in meiner Wohung und meiner Umgebung waren, mich frei in einen anderen Raum, eine andere Haltung oder auch nach draußen begeben und Christian hat alles gerne mitgemacht bzw. selber Impulse dazu gegeben. Ich habe nur manchmal vergessen, in den Pausen auch wirklich Pause zu machen. Insgesamt fand ich die Zeit mit Christian sehr bereichernd und bin ihm dankbar für den freundlichen Umgang, den interessanten Austausch und seine wertvolle Hilfe auf dem Weg meiner Selbstverwirklichung.

Johannes, Freiburg

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