Erfolg oder Erfüllung?

Beim Lesen eines Buches über heutige „Helden“ ist mir der Zusammenhang und auch der Unterschied zwischen Erfolg und Erfüllung klargeworden. Wer erfolgreich ist, muss nicht unbedingt erfüllt sein. Und ist jemand, der erfüllt ist, unbedingt erfolgreich?

In unserer auf Leistung orientierten Gesellschaft steht Erfolgt meist im Mittelpunkt. Wir nehmen uns etwas vor, setzen uns „smarte Ziele“, planen Meilensteine, erreichen unser Ziel und – sind erfolgreich.

Als ich in meiner Banker-Karriere schon weit fortgeschritten war und alles auf ZIEL ausgerichtet war, spürte ich, dass etwas fehlte. Eine damalige Freundin befragte mich zu meinen Zielen: Und was ist, wenn Du Dein Ziel erreicht hast, was kommt dann? Diese Frage wiederholte sie mehrere Male – bis ich keine Antwort mehr parat hatte.

Was mir in jenem Moment widerfuhr, war ein allmähliches Bewusstwerden, dass etwas fehlte – dass mir etwas fehlte. Mir wurde klar, dass ich so rastlos war, dass nach jedem erreichten Ziel ein weiteres folgend würde. Und dennoch würde meine innere Unruhe bleiben. Dieses Gefühl begleitete mich bereits mein ganzes Berufsleben lang und zeigte mir, dass ich noch immer auf der Suche war.

Die Aneinanderreihung von erreichten Ziele machte mich nicht zufrieden oder glücklich. Sie waren jeweils für sich ein kurzes Highlight, ein Strohfeuer. Was sie mir nicht brachten, war Erfüllung. Und danach suchte ich, nach dem Gefühl, erfüllt zu sein.

ErfülltSein bedeutet für mich etwas ganz anderes als Erfolg. Während der Erfolg etwas Strategisches, Planerisches, Rationales hat, fehlt ihm manches Mal das alles Entscheidende zur Erfüllung: das Gefühl, genau an der richtigen Stelle im Leben zu stehen. Es ist die emotionale Dimension, die für mich den wesentlichen Unterschied macht.

Woher weiß ich, was mich erfüllt?

Einfacher ist die Antwort auf die Frage, wann ich erfüllt bin – das spüre ich, in dem Moment und an dem Ort, wo ich gerade bin. Doch was mich zum ErfülltSein führt, was mich erfüllt fühlen lässt, braucht mehr. Meiner Erfahrung nach benötigt es einen Weg, eine Reise und vor allem die persönliche Bereitschaft, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, ohne das konkrete Ziel zu kennen, und gleichzeitig ausgerichtet durch die innere Suche: Was erfüllt mich?

Während Ziele konkret, messbar und realistisch sein sollen, ist Erfüllung etwas sehr subjektiv Wahrnehmbares. Oft kommt sie ungeplant aus heiterem Himmel, stellt sich ein, wenn wir offen dafür sind. Die Häufigkeit dieses Empfindens verrät uns, ob wir auf unserem Weg sind, ob wir anhalten oder eine Richtungsänderung einschlagen sollten.

Um die eigene Erfüllung aufzuspüren, helfen Fragen wohl mehr als Antworten. Woran habe ich Freude? Wann hatte ich meine höchsten Glücksmomente? Worauf möchte ich am Ende meines Lebens zurückblicken können? Was erwarte ich vom Leben und – was erwartet das Leben von mir?

Die Fragen sind es, aus denen das,
was bleibt, entsteht.
– Erich Kästner

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