Das zweite Leben

Andreas holt mich in Berlin von der U-Bahn ab. Nicht nur durch sein leuchtendes T-Shirt fällt er auf. Er wirkt wie ein Hüne, als könne ihm nichts etwas anhaben. Und irgendwie ist da auch etwas Wahres dran. Denn als ich seine Geschichte höre, ist es kaum zu glauben, dass er mir mit einer solchen Energie gegenüber steht. Doch fangen wir mal von vorne an.

Als sein „erstes Leben“ bezeichnet er die Zeit vor seinem tragischen Unfall vor 11 Jahren. Er lebte mit seiner Frau und seinen vier Kindern in einem mit vielen Freundschaftsdiensten erbauten Haus und arbeitete als Programmierer. Und er arbeitete viel und redete wenig, nicht mehr als 3.000 Worte im Jahr, wie er sagt. So lebte die Familie mehr neben- als miteinander.

Eines Tages wurde er von Nachbarn bewusstlos vor dem Haus aufgefunden. Im Krankenhaus gefragt, was passiert sei, antwortete er nicht. Die Ärzte dachten, er wollte nicht reden – doch er konnte nicht. Neben seiner Erinnerung an diesen Tag hatte er auch seine Sprache verloren. Er war unfähig, Worte zu finden und zu formen. Er fühlte sich eingeschlossen in sich selbst.

Einen Monat später kam es dann zu dem erwähnten Autounfall, bei dem seine Frau verstarb. Er selbst blieb körperlich weitgehend unversehrt. Doch nun hatte er sein Gedächtnis vollkommen verloren. Es sei, als wenn die Festplatte des Computers gelöscht wurde. Er konnte sich weder an sein Leben vor dem Unfall, noch an den Hergang erinnern. Doch dessen nicht genug, wurde er am Tod seiner Frau schuldig gesprochen und für ein Jahr in einem Haftkrankenhaus untergebracht.

Dort kümmerten sich verschiedene Ärzte und Psychotherapeuten um die Rückgewinnung seiner Sprache – ohne Erfolg. Erst als seine Tochter ihm aus einem Buch vorlas und dabei mit den Fingern die Worte verfolgte, schien er sich zu erinnern, welche Bedeutung Buchstaben haben. So lernte er zunächst Lesen und dann Schreiben wieder. Seine Fähigkeit zu sprechen sollte sich jedoch erst einiges später wieder entwickeln, nachdem sich nach vielen Fehlversuchen eine junge, motivierte Ärztin seiner annahm.

Ewig kreisende Gedanken quälten ihn. Sie fanden keinen Weg nach außen. Als ein guter Schachzug ergab sich, dass Andreas seine Freude am Basteln wieder entdeckte. Er begann Schachfiguren in Form von Würfeln zu bauen und – seine Gedanken beruhigten sich durch die Ablenkung. Durch seine innere, neu gewonnene Ordnung und die ambitionierte Ärztin, entwickelte er – zunächst über einzelne, stimmlose Laute – sein sprachliches Ausdrucksvermögen. Nach und nach kehrten über einzelne Begriffe Fragmente seiner Vergangenheit zurück in sein Bewusstsein. Er lernte dadurch nicht nur das Sprechen neu, sondern auch die Bedeutung von Kommunikation zu schätzen.

Andreas redet wie ein Wasserfall – wie er selbst sagt. Als hochsensitive Person (HSP genannt) überfordert mich die Menge an Informationen recht schnell. Doch auch ihm selbst scheint Reden bei seiner momentanen Herausforderung nicht weiterzuhelfen. Seine Zielsetzung für unser Coaching hat er schnell formuliert: „Ich habe mich für einen ersten Schritt auf dem Weg zu meiner Vision entschieden und gehe jetzt los.“

Die letzten Jahre hat Andreas einige Seminare zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung besucht, insbesondere zum Thema Gefühle und innere Stimme. Doch vernimmt er sie bislang nicht. Und Pro- und Contra-Listen oder andere rationale Überlegungen haben ihn bisher nicht zu einer Entscheidung geführt. Eine recht klare Vision hat er bereits. Sogar Wege hat er gefunden, die ihn in Richtung Vision führen können. Und nun steht eine Entscheidung an, die ihm schwer fällt. Ohne sich zu entscheidung, befürchtet er jedoch, sich zu verzetteln. Eine Eigenschaft, die er seiner Scanner-Persönlichkeiten zuschreibt.

Wir probieren also etwas anderes. Wir versuchen, Andreas Kontakt zu seiner inneren Stimme herzustellen. Obwohl es auf der Hand liegt, dass die innere Stimme als Teil seiner selbst in ihm zu finden ist, hat er bisher den Weg nach innen nicht beschritten. Er hätte viel darüber gelernt und verstanden, worum es geht – doch bisher nicht erfahren. Es fällt ihm sichtlich schwer, nichts zu tun, nicht zu reden und nicht zu denken. Meditation gelinge ihm nicht. Was ist, wenn seine innere Stimme keinen Raum bekommt, um zu ihm zu sprechen?

Wir lenken seine Aufmerksamkeit auf sein momentanes Gefühl, lokalisieren es in seinem Körper und lassen ihn beschreibende Worte finden, die sein Gefühl greifbar machen. Als er keine Worte mehr findet, lasse ich ihn mit seiner auf sein Gefühl fokussierten Wahrnehmung ein paar Minuten allein. Und schon hat er das erste Mal erfolgreich meditiert :)

Wir machen noch ein paar andere Übungen, die Andreas Aufmerksamkeit auf seinen Körper lenken. Andreas wird sichtlich ruhiger und entspannter. Sein Gesicht wirkt gelöst und er redet kaum noch. Er scheint für diesen Moment im Hier und Jetzt angekommen zu sein, bei sich selbst. Er strahlt Präsenz und Offenheit aus. Eine gute Voraussetzung, die innere Stimme zu vernehmen.

Am nächsten Tag lasse ich Andreas seine Vision und seine herausgefundenen Wege dorthin auf jeweils ein Blatt schreiben. Als er nach einer ganzen Weile fertig ist, bemerkt er bereits eine überraschend aufgekommene Klarheit. Sich im Schreiben auszudrücken und zu reflektieren hatte er bisher unterschätzt und nicht für sich genutzt. Zu sehr hatte er sich auf Denken und Reden verlassen.

In der Aufstellungsübung von Vision und möglichen Wegen dorthin ergänzt Andreas für ihn damit verknüpfte Begriffe wie Freiheit, Sicherheit und Innovation. Als er seine Vision verkörpert, ergreift ihn ein überwältigendes Gefühl der Freude und Leichtigkeit – ja, da will er wirklich hin. Recht bald wird ihm klar, welcher Weg der richtige ist. Jetzt spürt er es und fühlt sich dadurch vollkommen überzeugt. Wahrscheinlich hatte er gar nicht bemerkt, dass er das Titelblatt dazu bereits mit einer von den anderen Wegen abweichenden Farbe (grün) beschriftet hatte. Vielleicht war die Entscheidung in ihm bereits längst getroffen?

Mit meiner Unterstützung und der einiger Tutorials und Foren legt Andreas eine Webseite an und richtet einen Newsletter ein. Außerdem arbeiten wir an einem Elevator-Pitch, mit dem er dann seine potenziellen Kunden gezielt ansprechen und gewinnen kann. Damit sind die ersten Schritte auf seinem eingeschlagenen Weg gegangen. Er ist ins Tun gekommen – schneller als er zuvor angenommen hatte.

Das Coaching mit Andreas hat mich herausgefordert, wurde ich dabei doch mit mir selbst und meinem Bedürfnis nach Ruhe und Achtsamkeit und dem Ausdruck meiner Bedürfnisse konfrontiert. Ich durfte dabei überraschend lernen, dass dies auch dem Coaching-Fortschritt sehr zuträglich war, meine Bedürfnisse zu äußern und ihnen nachzukommen. Dafür danke ich Dir herzlich, Andreas, und auch für Deinen Reisekostenzuschuss! Ich bin neugierig, wie es mit Deinem Projekt weitergeht.

In der Vergangenheit habe ich viel Wissen angehäuft und mich gewundert, dass ich trotzdem nicht ins Umsetzen komme.
Es ist ein glückliches erhebendes Gefühl, wenn der bisher schwerfällige Wagen, mit dem es in die Zukunft gehen wird, nun endlich mit Christians Hilfe ins Rollen gekommen ist.
Es hat mir gezeigt, dass noch mehr Erkenntnisgewinn als mit Reden über Etwas, durch Aufschreiben der Gedanken bzw. durch reales Tun statt durch nur Vorstellen des Tuns möglich ist.
Gewusst wie, spart Energie – hat Christian mit mir gelebt = beeindruckend und außergewöhnlich hilfreich!
Auch ist mir bewusst geworden, wie Achtsamkeit nach innen, Entspannung, der körperliche Energiehaushalt und die bisher nur sporadische Inspiration zusammenhängen. Und es war erstaunlich wie stark sich meine Emotionen ändern, wenn ich praktisch den Blickwinkel durch Wechsel des Platzes veränderte, anstatt das nur gedanklich vorzunehmen.
Entscheidungen für die beste von mehreren Möglichkeiten mit Hilfe meiner Intuition zu fällen ist viel einfacher, besser und nachhaltiger als mit dem Verstand zu keiner Entscheidung zu kommen, weil alles Vor- und Nachteile hat.
Die größte Herausforderung für mich war, die verstandesmäßige Abwägung von Alternativen loszulassen und einfach nur nach dem besten Gefühl zu schauen, als ich mich in jede der Entscheidungsmöglichkeiten hineinversetzte.
Mit dem besten Gefühl bei der Entscheidung waren auch endlich die Bremsen gelöst, die mich offenbar vom zielgerichteten Tun abhielten, obwohl ich eigentlich schon bereit war anzufangen.
Es hat sich die alte Wahrheit bestätigt: Mit einem kleinen Teil anzufangen ist viel besser, als darauf zu warten dazu bereit zu sein.
Nachdem der erste Schritt getan wurde und das erste Ziel, zu beginnen, erreicht wurde, rollt nun die Lokomotive langsam und es ist die leichtere Arbeit, die Maschine in Schwung zu halten, da die Vision klar ist und zieht.
Meine nächsten Schritte sind, das funktionierende Gerüst, das wir während des Coachings aufbauten, mit Leben zu füllen und Schritt für Schritt weiter auszubauen.
Vielen Dank Christian für Deine tolle Idee der DienstReise und mir genau da zu helfen, wo es mich am meisten drückte, sowie auf eine Art, die genau zu mir passte und mir nachhaltig am meisten half!

Andreas, Berlin

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