Arm trotz Arbeit

Vor ein paar Tagen fiel mir dieser Artikel in den Nachrichten ins Auge: Drei Millionen Bürger arm trotz Arbeit

Skandalös für einen wohlhabenden Sozialstaat wie Deutschland. Wie kann das sein?

Klar, kann man die Politiker in die Verantwortung nehmen und auffordern, sie mögen die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen, dass so etwas nicht vorkommt. Die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns könnte vielleicht in manchen Bereichen die Ausbeutung von Arbeitnehmern unterbinden. Doch findet sich in jedem Zaun auch ein Loch (welches bei Benutzung die Tendenz hat, sich zu vergrößern).

Man könnte sich auch an die Unternehmer und Geschäftsführer, Manager und Personalverantwortlichen wenden. Doch kämpfen Arbeitnehmer schon seit über 100 Jahren in Gewerkschaften und Betriebsräten für mehr Rechte und eine gerechte Entlohnung von Mitarbeitern. Sicher auch mit einigem Erfolg. Und doch konnten diese Vereinigungen nicht verhindern, dass – wenn man den Zahlen glaubt – 3 Mio. Bürger in Vollzeit (oder mehr) arbeiten und trotzdem nicht genug für ein angemessenes Leben verdienen.

Und natürlich könnte man auf die Globalisierung und ihre Folgen für die regionale Wirtschaft schimpfen. Dass „billige Arbeitskräfte“ im oder aus dem Ausland die Löhne drücken. Aber Moment mal, wer von uns geht denn bitte nicht im Discounter einkaufen? Wer vergleicht denn nicht die Preise eines neuen Flachbildfernsehers und kauft den besten zum günstigsten Preis? Wer geht denn nicht in regionale Fachgeschäfte, lässt sich persönlich beraten und schlägt schließlich beim besten Angebot zu – und das nicht im Geschäft um die Ecke, sondern im Internet?

Worauf ich hinaus will? Ich gehe der Frage nach, welche Verantwortung haben wir selbst zu übernehmen? Als Konsument verbrauchen wir nicht nur erzeugte Güter und Dienstleistungen, sondern wir bezahlen das Gekaufte auch. Damit, was wir kaufen, lenken wir den Geldfluss. Wir bestimmen die Richtung und die Schlagkraft. Wir entscheiden mit jedem Kauf, welchen Produzenten oder Dienstleister wir unterstützen. Ob wir diesen dann wirklich unterstützen wollen, überdenken wir leider nicht unbedingt.

Wir haben also als Konsument eine gewisse Wahlfreiheit. Und für unsere (bewusst oder unbewusst) getroffene Entscheidung zum Kauf haben wir Verantwortung zu übernehmen. Ob wir wollen oder nicht. Doch was hat das Konsumieren mit dem Arbeitsmarkt zu tun? Viele Arbeitssuchende sehen sich ihrer Situation und dem Arbeitsmarkt ausgeliefert, so ohnmächtig, wie sie sich als Verbraucher auch sehen.

Dem möchte ich etwas entgegensetzen: das Prinzip Selbstverantwortung. Das heißt nicht, ich habe immer und für alles Verantwortung zu übernehmen. Es steht vielmehr im Zusammenhang mit dem so genannten Subsidiaritäts-Prinzip. Vereinfacht besagt dieses, dass die Verantwortung (für die persönliche Entfaltung) bei jedem Einzelnen anfängt und nur dort, wo diese nicht übernommen werden kann, eine größere Einheit (Institution, Gesellschaft, Staat usw.) in die Verantwortung tritt. Noch einfacher: Zuerst habe ich für mich selbst zu sorgen und aktiv für eine gewünschte Änderung einzutreten. Und erst wenn ich scheiter, steht jemand anders in der Verantwortung. Natürlich ist auch eine zeitgleiche Kombination möglich.

Wenn wir dieses Prinzip nun auf Arbeitnehmer oder Arbeitssuchende übertragen, hat jeder zunächst einmal selbst dafür zu sorgen, dass er sich in einer Arbeitsumgebung wiederfindet, die ihm neben Entfaltungsmöglichkeiten (Stichwort Selbstverwirklichung) auch eine angemessene Wertschätzung entgegenbringt – natürlich auch in Form von Bezahlung. Jeder sollte bei sich selbst und seinen Möglichkeiten anfangen. Ich weiß, dass ich mich damit weit aus dem Fenster lehne. Doch ich stehe dazu. Sonst hätte ich damals nicht meinen sicheren, gut bezahlten Banker-Job an den Nagel gehängt. (Wie es soweit kam, erfährst Du hier.)

Natürlich weiß ich, dass nicht jeder die notwendigen Mittel oder Fähigkeiten hat, seine Situation vollkommen selbständig zu ändern. Diese Menschen müssen unterstützt werden. Wie ich aber schon anfangs durchblicken ließ, geht es mir nicht darum, Verantwortung im Außen zu suchen oder sie auf andere abzuwälzen. Ich fange schlichtweg bei mir selbst an. Was kann ich – auch und gerade als einzelner Mensch und Teil der Gesellschaft – tun, damit sich meine Lebensumstände verbessern?

Und jetzt kommst Du ins Spiel, als Angestellte oder Bewerberin. Denn Du hast mindestens zwei Möglichkeiten, Einfluss auf Dein Arbeitsleben zu nehmen. Erstens wählst Du – zumindest zu einem gewissen Grad – Deinen Arbeitgeber selbst aus. Der Arbeitgeber hat also nicht ganz die freie Wahl. Du entscheidest mit, welches Unternehmen Du künftig unterstützt. Überlege Dir, was Du wirklich willst. Was Du erreichen willst, für Dich und auch für andere.

Und Deine zweite Möglichkeit der Einflussnahme auf Dein Arbeitsleben liegt in Deiner Selbstdarstellung. Denn wie Du in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus. Also finde erst einmal heraus, was Dich ausmacht. Erkenne Deine Stärken. (An)erkenne Dich selbst. Schätze Dich selbst hoch. Erst dann kannst Du erwarten, dass auch andere Dich (an)erkennen und wertschätzen. Das ist nicht unbedingt leicht. Auch ich gehe immer wieder hart mit mir ins Gericht. Wenn es um Selbstliebe geht, schau mal bei meiner Mutter vorbei: JonaMo.

Wenn es um Deine Bewerbung geht, finde zunächst heraus, was Dich auszeichnet. Überlege, welche Vorteile Dein Arbeitgeber durch Dich erhält. Und wenn Du Dir Deiner eigenen Stärken bewusst bist, dann stelle sie dar. Stelle Dich da. Zeige Dich. Zeige, was Du kannst. Und die Chance steigt, dass auch Dein (künftiger) Arbeitgeber erkennt, was Du Wert bist und Dich wertschätzt.

Wie Du Deine Stärken herausfindest, schildere ich Dir in einem nächsten Artikel. Nun bin ich gespannt auf Deine Meinung. Welche Möglichkeiten siehst Du, um den Arbeitsmarkt zu verändern? Schreibe dazu einen Kommentar.

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