Alles hat seine Zeit

20150530_194413Gerade erst bin ich von meiner Reise durch Schottland zurückgekehrt und genieße den lauen Sommerabend auf dem Balkon. Und obwohl ich noch nicht ausgepackt, die Post noch nicht gelesen und meine Emails noch nicht bearbeitet habe, möchte ich eine wichtige Erkenntnis, die ich während meines Urlaubs hatte, gleich mit Dir teilen. Denn es ist an der Zeit. Es ist jetzt die Zeit, Dir zu schreiben. Ob das morgen der Fall sein wird, weiß ich nicht. Also, tue ich es jetzt gleich.

Für alle, die mich noch nicht so gut kennen, schicke ich ein paar Zeilen voraus, damit Du Dir ein Bild von meiner Reise machen kannst. Gemeinsam mit meiner Lebensgefährtin und je einem Rucksack von rund 18 kg (inkl. Schlafsack, Luftmatratze, Zelt und Nahrung für ein paar Tage) bin ich durch Schottland getrampt. Per Anhalter zu reisen, ist heutzutage recht ungewöhnlich, hat aber ein paar Vorteile: Kaum eine andere Reiseart bringt so viel Kontakt zu Einheimischen mit sich. Wenn Du also Land und Leute hautnah erleben möchtest, eignet sich Trampen (im Englisch übrigens hitchhike) hervorragend.

Sicher gibt es auch Nachteile dabei. Nein, gesundheitliche Risiken sind sehr niedrig, sofern Du nicht bei jedem Fahrer einsteigst und bei einem unguten Bauchgefühl auch Nein sagst. Trampen benötigt neben der Erfahrung, wann man wo und wie am besten Fahrer zur Mitnahme bewegt, vor allem mehr Zeit und Raum. Raum für Unvorhergesehenes, Unplanbares und die Fähigkeit, damit umzugehen. Denn auch wenn Du ein Ziel beim Trampen hast, kannst Du nicht mit Gewissheit sagen, wann Du ankommen wirst. Und es kann plötzlich regnen. Oder Dich nimmt an diesem Tag keiner mit und Du wirst links liegen gelassen (was für Schottland wegen des Linksverkehrs wörtlich zu vestehen ist ;)

Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen. (John Lennon)

So kam es, dass wir am Abend, fern einer Stadt in den Highlands, nicht mehr weiterkamen bzw. keine Lust mehr hatten, an der Straße zu stehen. Da wir ein Zelt dabei hatten (welches wir meistens auf Campingplätzen nutzten), entschlossen wir uns kurzer Hand, die Nacht auf dem wunderschönen, weißen Sandstrand am Loch Laggan zu campieren (siehe Bild). Klar könnte ich mich aufregen, frustriert sein oder darauf hoffen, dass irgendwann noch ein Bus vorbeikommt. Ich mich aber auch in der Gegend umsehen, ein wunderschönes Fleckchen Erde entdecken und die Situation als Gelegenheit begreifen. Im Übrigen hatten wir einen wunderschönen, ruhigen Abend mit Essen am Lagerfeuer :) Und am nächsten Morgen war es zwar stürmisch und regnerisch, dafür nahm uns allerdings gleich das erste Auto mit.

Eine andere Situation möchte ich Dir noch kurz schildern, die einen ganz praktischen Effekt hatte, der zunächst nicht absehbar war. Vor allem aber hat mich dies zu der im Titel genannten Erkenntnis gebracht. Da wir den Rückflug gebucht hatten, war uns bestimmt, die letzte Nacht in Manchester zu verbringen. Allerdings hatten wir vor unserem Urlaub keine Zeit mehr, uns um eine Unterkunft zu kümmern.

Als wir uns dann während der Reise an Plätzen mit W-LAN auf die Suche nach einem adäquaten Zimmer in Manchester machen, gibt es entweder technische Probleme mit den Internet, mit Apps, dem Seitenaufruf oder die Unterkunft sprengt unser Budget. Stundenlange Versuche schlagen fehl und zwingen uns, die Angelegenheit auf später zu verschieben. Doch als wir am Samstagnachmittag in einem Café mit Internetempfang mit entsprechender Dringlichkeit nach einer Bleibe für die anstehende Nacht suchen, entdecken wir ein Hotel, das seine Zimmerpreise gerade erst gesenkt hatte und somit bezahlbar war.

Oft wollen wir etwas Bestimmtes erreichen. Wir haben uns etwas in den Kopf gesetzt und verfolgen unser Ziel mit Stringenz und Ausdauer. Nicht, dass grundsätzlich etwas an Ausdauer auszusetzen wäre. Aber wie so oft, kommt es auf das richtige Maß an. Manches Ziel ist wohl nur mit Ausdauer erreichbar, schrittweise geht es voran. Was aber ist, wenn etwas einfach nicht gelingen will?

Ist es noch nicht an der Zeit?

Sogar diese Redensart weiß es – alles hat seine Zeit. Die genannten Situationen waren nur zwei von vielen, die ich in meinem Leben erlebt habe. Sie lassen mich glauben, dass es für alles eine Zeit gibt. Es geht nicht nur um richtig oder falsch, sondern auch um die richtige Zeit, um jetzt oder später – oder nie. Ein und die gleiche Handlung kann an einem anderen Ort, mit einem anderen Menschen oder zu einer anderen Zeit mehr Sinn ergeben. Doch woher weißt Du das?

Ich persönlich mache immer wieder die Erfahrung des Flow – Leben im Fluss. Alles scheint sich zwanglos, mit wenig Aufwand zu ergeben. Begebenheiten und Begegnungen fügen sich aneinander und zusammen. Sie ergeben sich. Sie ergeben Sinn. Es fühlt sich leicht an, fast, als ginge alles von selbst oder sei von magischer Hand gesteuert. Kennst Du das Gefühl auch?

Das Gegenteil davon fühlt sich schwergängig an. Es will einfach nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt. Verschiedene Ansätze scheitern. Es ist keinerlei Fortschritt erkennbar und keine Lösung in Sicht. Du rennst gegen Wände. Es ist wie verhext. Wann hörst Du auf?

Wann hörst Du auf die äußeren und inneren Anzeichen…

…dass es nicht an der Zeit ist, vielleicht noch nicht? Wenn ich von meinem beruflichen Werdegang erzähle, höre ich immer wieder: „Dann machst Du ja jetzt etwas ganz anderes als früher (als Banker). Schön, dass Du jetzt Dein Ding gefunden hast.“ Da könnte man denken, ich habe jahrelang etwas gemacht, was mir nicht entsprochen hat. Tatsächlich aber war ich über viele Jahre ein glücklicher Banker :) Es war meine Zeit des Banker-Seins.

Und irgendwann spürte ich Widerstände, äußere und innere. Fühlte ich zunächst nur ein zeitweiliges Unwohlsein, kamen schließlich körperliche Beschwerden dazu (als ob sich der Körper über etwas beschweren würde). Nach und nach wurde mir bewusst, es ist Zeit – Zeit, aufzubrechen, Zeit für Veränderung. Drei Jahre brauchte ich, mir darüber klar zu werden und mich in Bewegung zu setzen. Und dann ging ich.

Und doch war damals die richtige Zeit, um Banker zu sein. Es war passend. Es hat sich stimmig angefühlt. Es war an der Zeit. Selbstverwirklichung verstehe ich als Prozess. Ein Weg mit verschiedenen Stationen. Und was noch vor einiger Zeit richtig gut für Dich war, kann sich nun als „falsch“ anfühlen. Vielleicht ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun?

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